Perspektive: Selbstrechtfertigung – Wahrheit oder Selbstschutz?
- Ute Müller

- 22. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Essay-Reihe:
Essen als Einstiegsdroge – oder:
Wie Kontrolle zur Sucht werden kann

Wie klug unser Denken ist, wenn es darum geht, bestehende Muster zu verteidigen – und weshalb Wahrheit dabei leise wird.
Wenn wir von „Essen als Einstiegsdroge“ sprechen, meinen wir nicht Nahrung als Problem. Nahrung ist weder Feind noch Gefahr. Was uns bindet, ist nicht das Essen selbst, sondern die Kontrolle dahinter – die Strategie, über Ernährung Sicherheit, Halt und Selbstwirksamkeit zu erleben.
Solange diese Strategie funktioniert, scheint alles stimmig.
Wir informieren uns. Wir lesen Studien. Wir erstellen Pläne. Wir verfolgen Ziele. Vielleicht nehmen wir ab. Vielleicht fühlen wir uns diszipliniert, stark, konsequent. Kontrolle schenkt Erfolg – und Erfolg bestätigt die Strategie.
Doch was geschieht, wenn der Körper plötzlich nicht mehr so reagiert, wie wir es erwarten?
Wenn das Wunschgewicht ausbleibt.
Wenn der Jojo-Effekt einsetzt.
Wenn Unverträglichkeiten auftreten.
Wenn trotz aller Disziplin keine innere Ruhe entsteht.
Hier beginnt die Einbahnstrasse sichtbar zu werden.
Und genau an diesem Punkt wird es heikel.
Denn wir haben diese Struktur selbst aufgebaut.
Wir haben investiert – Zeit, Energie, Identität.
Sich einzugestehen, dass etwas nicht mehr stimmig ist, bedeutet nicht nur, eine Methode zu hinterfragen. Es bedeutet, sich selbst zu hinterfragen.
Und das fällt uns schwer.
Hier setzt ein zutiefst menschlicher Mechanismus ein.
Wenn Kontrolle zu kippen beginnt, geschieht etwas sehr Menschliches:
Wir verteidigen sie.
Nicht laut.
Nicht aggressiv.
Sondern intelligent.
Die Selbstrechtfertigung ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Schutzmechanismus. Sobald eine Strategie beginnt, unsere Identität zu stabilisieren, wird sie verteidigt – oft mit Argumenten, die durchaus plausibel sind.
Man verweist auf Studien.
Man zitiert Experten.
Man spricht von Disziplin und Verantwortung.
Man betont, dass man „einfach nur bewusst lebt“.
Und vieles davon stimmt sogar.
Doch die entscheidende Verschiebung liegt nicht im Inhalt der Argumente, sondern in ihrer Funktion. Sie dienen nicht mehr der Orientierung, sondern der Absicherung.
Die innere Frage lautet nicht mehr:
Ist das stimmig?
Sondern:
Wie halte ich mein System stabil?
Und hier beginnt eine weitere, heikle Bewegung.
Je stärker die innere Spannung wird, desto grösser wird die Versuchung, sie zu glätten. Zunächst beschwichtigen wir uns selbst. Wir relativieren. Wir interpretieren neu. Wir erklären Symptome weg. Wir nennen Einseitigkeit „Konsequenz“. Wir nennen Zwang „Disziplin“.
Irgendwann jedoch reicht die Erklärung nicht mehr.
Dann beginnt etwas Subtileres.
Wir beschummeln uns selbst.
Nicht bewusst im Sinne einer geplanten Lüge – sondern schleichend. Wir lassen Informationen weg. Wir verschieben Zusammenhänge. Wir erzählen uns eine Version unserer Geschichte, die besser zu unserem Selbstbild passt.
Und wenn sich diese innere Konstruktion verfestigt, geschieht oft der nächste Schritt.
Wir beginnen auch nach aussen eine Fassade aufrechtzuerhalten.
„Alles ist gut.“
„Ich habe das im Griff.“
„Mir geht es hervorragend damit.“
Die Lüge ist dann kein böser Akt – sie ist eine Verlängerung der Selbstrechtfertigung. Wer sich selbst überzeugt hat, überzeugt auch andere. Wer die eigene Konstruktion glaubt, verteidigt sie im Aussen.
Genau hier zeigt sich, wie Kontrolle zur Sucht werden kann.
Denn Sucht bedeutet nicht nur Wiederholung.
Sie bedeutet Verengung.
Und Verengung braucht Stabilisierung.
Je enger das System wird, desto mehr Energie fliesst in seine Aufrechterhaltung. Und je mehr Energie wir investieren, desto schwerer wird es, auszusteigen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Habe ich recht?
Sondern:
Was verteidige ich gerade?
Und wovor schützt mich meine Version der Wahrheit?
Fazit
Selbstrechtfertigung ist zutiefst menschlich.
Auch die Lüge ist oft kein Zeichen von Bosheit, sondern von Angst.
Doch jedes Mal, wenn wir beginnen, unsere eigene Geschichte zu beschönigen, verlieren wir ein Stück innere Freiheit.
Vielleicht ist „Essen als Einstiegsdroge“ deshalb eine Einladung, genauer hinzuschauen. Nicht auf den Teller – sondern auf die Erzählung dahinter.
Dort, wo wir wieder ehrlich mit uns werden, verliert Kontrolle ihren Zwang.
Und dort beginnt echte Selbstverantwortung.
Und mit einem kleinen Augenzwinkern zum Schluss:
Die gefährlichste Lüge ist nicht die, die wir anderen erzählen – sondern die, die wir brauchen, um uns selbst nicht hinterfragen zu müssen. Zum Schutze der Selbsterkenntnis.
Einordnung
Hinweis:
Dieser Text spiegelt meine persönliche Sichtweise auf die Dynamik von Kontrolle, Ernährung und Sucht wider. Er basiert auf meiner praktischen Erfahrung sowie auf psychologischen, entwicklungswissenschaftlichen und neurobiologischen Erkenntnissen.
Wissenschaftliche Bezugspunkte (Auswahl):
Bandura, A. – Selbstwirksamkeit
Festinger, L. – Kognitive Dissonanz
Koob, G. & Le Moal, M. – Sucht als Dysregulation
Volkow, N. et al. – Neurobiologie des Belohnungssystems
Baumeister, R. – Selbstkonzept & Selbstregulation
Über mich:
Mein Ansatz im Bereich «Bewusstseinsarbeit» bietet ein grundlegendes Werkzeug zur Veränderung persönlicher Themen, zur Lösung innerer Blockaden und Herausforderungen. Dies umfasst auch Aspekte der Gesundheit (Psychosomatik) wie der Gewichtsreduktion. Die Kommunikation kann entweder im Wachbewusstsein oder in einem Zustand bewusster Hypnose stattfinden. Dabei sind zwei entscheidende Faktoren wichtig:
Mut, sich selbst zu begegnen.
Authentizität, den Willen zur bedingungslosen Ehrlichkeit zu sich selbst zu haben.

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Ute Müller
Coach und Hypnotherapeutin, dipl. Ernährungsberaterin, Autorin & Entwicklerin des Programms "ICH bin mein bester Food-Coach."
In der Online-Kommunikation verwende ich das «Du», wie im Englischen, um eine persönliche und offene Ansprache zu schaffen – ohne die formale Distanz zu verlieren. Ebenso wähle ich bewusst eine vereinfachte Sprache ohne Unterscheidung von Gender und Diversität. Dies geschieht aus Gründen der besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit. Mir ist es wichtig zu betonen, dass ich alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Identität oder Herkunft schätze und respektiere. Jeder ist willkommen, und ich achte alle gleichermaßen. Mein Anliegen ist es, dass sich alle Leserinnen und Leser gleichermaßen angesprochen fühlen. Vielen Dank für Dein Verständnis.




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