Perspektive: Kontrolle – steuern wir sie, oder steuert sie uns?
- Ute Müller

- 22. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Essay-Reihe:
Essen als Einstiegsdroge – oder:
Wie Kontrolle zur Sucht werden kann

Warum Kontrolle zunächst eine Stärke ist.
Wozu wir sie brauchen. Und weshalb wir möglicherweise nie gelernt haben, sie flexibel einzusetzen.
Bevor wir Kontrolle kritisieren, sollten wir sie verstehen.
Kontrolle ist keine Schwäche. Sie ist eine grosse Fähigkeit des Menschen – eine seiner ältesten Strategien, um mit Unsicherheit umzugehen. Sie ermöglicht Planung, Zielorientierung und Verantwortung. Ohne Kontrolle gäbe es keine Vorsorge, keine Entwicklung, keine Kultur. Sie schenkt uns das Gefühl von Einfluss – und dieses Gefühl stabilisiert uns.
Psychologisch ist Kontrolle eng mit Selbstwirksamkeit verbunden. Wenn ich entscheiden kann, wenn ich steuern kann, wenn ich Einfluss habe, fühle ich mich weniger ausgeliefert. Besonders in unsicheren Zeiten wirkt Kontrolle ordnend. Sie schafft Struktur, wo innerlich oder äusserlich Unruhe herrscht.
Unsere westliche Gesellschaft fördert genau diese Kompetenz. Disziplin gilt als Stärke. Planung als Reife. Strategisches Denken als Intelligenz. Wer sein Leben „im Griff“ hat, wird bewundert.
Und genau hier beginnt die feine Verschiebung.
Denn Kontrolle ist zunächst ein Werkzeug. Problematisch wird sie erst, wenn sie zur Identität wird. Wenn sie nicht mehr situativ eingesetzt wird, sondern dauerhaft gebraucht wird. Wenn Abweichung Unruhe erzeugt. Wenn Loslassen Angst macht.
Nahrung eignet sich ideal für diese Strategie. Sie ist täglich verfügbar. Sie ist messbar. Sie ist optimierbar. Und sie ist gesellschaftlich akzeptiert. Niemand hinterfragt es, wenn jemand sehr diszipliniert isst. Im Gegenteil – oft wird es gelobt.
So kann etwas, das als gesunde Struktur beginnt, langsam zu einem inneren Fixpunkt werden. Nicht weil Kontrolle falsch ist. Sondern weil sie sich verengt.
Kontrolle im gesellschaftlichen Kontext
Doch Kontrolle ist nicht nur ein individuelles Phänomen. Sie zeigt sich auch im Grossen. Politisch, gesellschaftlich, kulturell erleben wir immer wieder, wie Systeme versuchen, Verhalten zu regulieren, Normen zu setzen, Sicherheit durch Steuerung zu erzeugen. Kontrolle kann Schutz bedeuten – aber sie kann ebenso Einengung erzeugen, wenn sie zur Macht über andere wird.
Im Bereich der Ernährung jedoch verschiebt sich die Richtung: Hier geht es nicht primär darum, andere zu kontrollieren, sondern sich selbst. Und genau darin liegt eine besondere Dynamik. Wer sich selbst reguliert, fühlt sich zunächst autonom. Doch Selbstkontrolle kann ebenso restriktiv wirken wie äussere Kontrolle, wenn sie rigide wird.
Hier entsteht eine Wechselwirkung:
Wir leben in einer Kultur, die Kontrolle schätzt.Wir internalisieren diese Haltung.Und wir wenden sie auf uns selbst an.
Wenn wir beginnen, uns durch unsere eigene Regelstruktur eingeengt zu fühlen, erleben wir etwas Paradoxes: Wir sind zugleich Regisseur und Gefangener unseres Systems. Genau das macht dieses Thema so subtil – und so menschlich.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht:
Nutze ich Kontrolle?
Sondern:Wie erlebe ich sie?
Fühlt sie sich weit an – oder eng?
Ermöglicht sie mir Handlungsspielraum – oder schränkt sie ihn ein?
Dient sie mir – oder verteidige ich sie?
Vielleicht haben wir gelernt, Kontrolle aufzubauen.
Aber kaum gelernt, mit ihr beweglich umzugehen.
Und vielleicht liegt genau darin der Kern dieses ganzen Themas:
Nicht die Kontrolle macht uns unfrei.Sondern der unbewusste Umgang mit ihr.
Vielleicht lohnt es sich an dieser Stelle, einen bekannten Satz neu zu betrachten:
«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.»
Ist das wirklich so – wenn wir verstehen, was Kontrolle bewirken kann? Und wohin könnte Vertrauen führen, wenn wir ihm denselben Raum geben?
Fazit
Kontrolle ist eine menschliche Leistung – Lebensstrategie. Sie schafft Sicherheit, Orientierung und Selbstwirksamkeit – im Individuum ebenso wie in gesellschaftlichen Strukturen. Ohne sie wäre Entwicklung kaum möglich.
Doch jede Strategie, die Sicherheit erzeugt, trägt auch das Risiko der Verengung in sich. Das gilt politisch, sozial und ganz persönlich. Im Bereich der Ernährung wird diese Dynamik besonders sichtbar, weil Nahrung alltäglich, emotional besetzt und kulturell hoch aufgeladen ist.
«Essen als Einstiegsdroge» meint daher nicht die Gefahr der Nahrung, sondern die Attraktivität der Kontrolle. Sie ist greifbar, messbar und sozial anerkannt. Und gerade deshalb kann sie unbemerkt von Ressource zu Restriktion werden.
Reife bedeutet nicht, Kontrolle abzuschaffen.Reife bedeutet, sie bewusst einzusetzen – und ebenso bewusst wieder zu lockern.
Die vielleicht wichtigste Frage bleibt:
Kann ich meine Strategie wählen – oder hat sie begonnen, mich zu wählen?
Einordnung
Hinweis:
Dieser Text spiegelt meine persönliche Sichtweise auf die Dynamik von Kontrolle, Ernährung und Sucht wider. Er basiert auf meiner praktischen Erfahrung sowie auf psychologischen, entwicklungswissenschaftlichen und neurobiologischen Erkenntnissen.
Wissenschaftliche Bezugspunkte (Auswahl):
Albert Bandura – Selbstwirksamkeit und wahrgenommene Kontrolle
John Bowlby – Bindung und Regulation in Beziehung
Leon Festinger – Soziale Vergleichsprozesse
George Koob & Michel Le Moal – Sucht als Dysregulation von Belohnung und Kontrolle
Nora Volkow et al. – Neurobiologie des Belohnungssystems
WHO / Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) – Grundlagen ausgewogener Ernährung
Über mich:
Mein Ansatz im Bereich «Bewusstseinsarbeit» bietet ein grundlegendes Werkzeug zur Veränderung persönlicher Themen, zur Lösung innerer Blockaden und Herausforderungen. Dies umfasst auch Aspekte der Gesundheit (Psychosomatik) wie der Gewichtsreduktion. Die Kommunikation kann entweder im Wachbewusstsein oder in einem Zustand bewusster Hypnose stattfinden. Dabei sind zwei entscheidende Faktoren wichtig:
Mut, sich selbst zu begegnen.
Authentizität, den Willen zur bedingungslosen Ehrlichkeit zu sich selbst zu haben.

Du bist interessiert?
Du hast ein persönliches Thema?
Du möchtest mehr erfahren?
Dann melde dich zu einem kostenfreien Erstgespräch (Zoom oder vor Ort).
Ute Müller
Coach und Hypnotherapeutin, dipl. Ernährungsberaterin, Autorin & Entwicklerin des Programms "ICH bin mein bester Food-Coach."
In der Online-Kommunikation verwende ich das «Du», wie im Englischen, um eine persönliche und offene Ansprache zu schaffen – ohne die formale Distanz zu verlieren. Ebenso wähle ich bewusst eine vereinfachte Sprache ohne Unterscheidung von Gender und Diversität. Dies geschieht aus Gründen der besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit. Mir ist es wichtig zu betonen, dass ich alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Identität oder Herkunft schätze und respektiere. Jeder ist willkommen, und ich achte alle gleichermaßen. Mein Anliegen ist es, dass sich alle Leserinnen und Leser gleichermaßen angesprochen fühlen. Vielen Dank für Dein Verständnis.




Kommentare