Perspektive: Kontrolle – Verbündete oder Verhinderin?
- Ute Müller

- 22. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Essay-Reihe:
Essen als Einstiegsdroge – oder:
Wie Kontrolle zur Sucht werden kann

Warum das sammeln von mehr Informationen selten verändert – Beziehung jedoch schon. Denn Veränderung geschieht nicht im Modus der Kontrolle, sondern im Kontakt.
Wenn ich sage: Es geht um Beziehung statt Kontrolle, denken viele zuerst: „Soll ich jetzt mit meinem Essen reden?“ oder „Meinst du, ich soll eine Beziehung zur Karotte aufbauen?“ Andere sagen: „Ich esse, um Löcher zu stopfen.“ – „Wenn mir langweilig ist, esse ich.“ – „Es tut mir gut.“ Und das wird dann schnell als Beziehung bezeichnet.
Doch darum geht es nicht. Es geht nicht darum, ob Schokolade schmeckt oder ob man seine Makros perfekt trackt. Nicht darum, ob man besonders gesund isst oder sich diszipliniert ernährt. Wenn ich von Beziehung spreche, meine ich etwas Grundlegenderes.
Wenn wir über Essen und Kontrolle sprechen, geht es selten nur um Nahrung. Es geht um etwas, das darunterliegt: das Bedürfnis nach Sicherheit, Halt und innerer Stabilität. Essen wird dabei häufig zu einem Instrument. Ein Mittel, um Spannung zu regulieren. Um Leere nicht zu fühlen. Um sich zu beruhigen. Um sich sicher zu fühlen. Das Entscheidende ist nicht das Essen selbst – sondern die Funktion, die es übernimmt.
Kontrolle fühlt sich dabei sinnvoll an – wie eine gute Strategie.
„Ich weiss, was ich esse.“
„Ich habe meine Ernährung im Griff.“
„Ich bin diszipliniert.“
Kontrolle schafft Struktur. Sie vermittelt Orientierung. Sie erzeugt ein Gefühl von Einfluss und Selbstwirksamkeit. Gerade beim Essen ist das besonders spürbar: Ich kann entscheiden, was ich esse, wie viel, wann – oder ob ich es lasse. Ich kann Regeln aufstellen und sie einhalten. In diesem Moment entsteht Ordnung. Halt. Sicherheit. Und genau hier beginnt die Dynamik. Denn das gute Gefühl entsteht nicht nur durch Disziplin – sondern durch das Erleben von Sicherheit.
Ein Mensch reguliert sich ursprünglich im Kontakt. Ein Kind lernt Stabilität durch verlässliche Bezugspersonen – indem es erlebt: Das, was ich fühle, wird gesehen und gehalten. Regulation ist zunächst ein gemeinsamer Prozess und wird erst später zu einer inneren Fähigkeit. Wenn jedoch Nähe verunsichert hat, Vertrauen brüchig war oder emotionale Bedürfnisse nicht ausreichend beantwortet wurden, bleibt oft eine leise Grundunsicherheit. Man lernt dann, sich selbst zu organisieren. Selbst zu funktionieren. Selbst zu regulieren.
Dort, wo Beziehung fragil war, gewinnt Kontrolle an Bedeutung. Kontrolle über Nahrung. Kontrolle über Leistung. Kontrolle über den eigenen Körper. Sie gibt Halt, wenn innerer Halt nicht selbstverständlich ist. Sie schafft Berechenbarkeit, wo zwischenmenschliche Erfahrungen unberechenbar waren.
Kontrolle ist dabei keine Schwäche. Sie ist eine Strategie – oft eine sehr kluge. Sie versucht, Sicherheit, Autonomie und Selbstwert aufrechtzuerhalten. Sie stabilisiert, was innerlich unsicher geblieben ist. Gerade im Essverhalten wird das sichtbar. Essen ist jederzeit verfügbar und betrifft den eigenen Körper – unseren persönlichsten Raum. Über Nahrung kann ich Spannungen regulieren. Ich kann mich beruhigen. Ich kann mir das Gefühl geben: „Hier habe ich es im Griff.“
Doch was wird eigentlich kontrolliert? Nicht der Hunger – sondern die Unsicherheit darunter. Nicht der Körper – sondern das Bedürfnis nach Halt. Nicht das Essen – sondern die Angst, sich ausgeliefert zu fühlen.
Solange Kontrolle eine flexible Strategie bleibt, ist sie hilfreich. Problematisch wird sie, wenn sie zur einzigen Form von Sicherheit wird. Denn Kontrolle vermittelt ein starkes Gefühl von Halt – und dieses Gefühl kann süchtig machen. Nicht das Essen ist die eigentliche „Einstiegsdroge“. Sondern das Sicherheitserleben durch Kontrolle.
Je häufiger innere Unsicherheit auftaucht, desto häufiger greift man zur kontrollierenden Strategie. Je stärker die Kontrolle wirkt, desto weniger wird das eigentliche Bedürfnis darunter wahrgenommen. So entsteht eine Dynamik: Unsicherheit führt zu Kontrolle, Kontrolle zu kurzfristiger Stabilisierung, die Ursache bleibt unberührt, Unsicherheit kehrt zurück – und die Kontrolle wird intensiver. Mit der Zeit kann sie Überhand nehmen. Sie wird starrer. Unflexibler. Zwanghafter. Was als harmlose Struktur begann, entwickelt sich zu einem suchtähnlichen Regulationsmuster. Nicht, weil das Essen so mächtig ist – sondern weil Kontrolle Sicherheit verspricht.
Nachhaltige Veränderung entsteht jedoch nicht durch noch mehr Disziplin. Sie entsteht durch Beziehung. Beziehung bedeutet, wahrzunehmen, was in mir geschieht, bevor ich esse. Zu erkennen, was ich gerade regulieren möchte. Zu verstehen, woher meine Muster kommen.
Und hier liegt ein Paradox: Wenn Beziehung fehlt, bauen wir oft unbemerkt eine Beziehung zur Kontrolle auf. Wir identifizieren uns mit ihr. Wir glauben, wir seien diese Kontrolle. Was ursprünglich eine Strategie war, wird zu einem Teil unserer Identität. Wir stehen dann nicht mehr in Beziehung zu uns selbst – sondern in Beziehung zu unserem Kontrollsystem. Genau dort beginnt das Problem. Wir verlieren das Mass. Wir erkennen die Strategie nicht mehr als Strategie. Sie fühlt sich alternativlos an.
Kontrolle sollte ein Werkzeug sein. Doch wenn sie zur inneren Instanz wird, die über Sicherheit, Wert und Stabilität entscheidet, fühlen wir uns ihr irgendwann ausgeliefert. Dann sind wir nicht mehr Herr im eigenen Haus, sondern werden von dem gesteuert, was uns eigentlich schützen sollte.
Beziehung im eigentlichen Sinne bedeutet deshalb, hinter die Kontrolle zu schauen. Nicht sie zu bekämpfen – sondern zu verstehen. Nicht sich mit ihr zu identifizieren – sondern sich selbst zu erkennen. Beziehung verbindet. Kontrolle trennt. Kontrolle sagt: „Ich darf das nicht fühlen.“ Beziehung sagt: „Ich darf wahrnehmen, was da ist.“
Innere Stabilität wächst dort, wo wir uns gehalten fühlen – nicht dort, wo wir uns festhalten müssen.
Fazit
Essen ist selten nur Essen.
Und Kontrolle ist selten das eigentliche Problem.
Was sich im Essverhalten zeigt, ist oft der Versuch, innere Unsicherheit zu beruhigen.
Wenn Halt im Kontakt gefehlt hat, suchen wir ihn dort, wo wir Einfluss nehmen können – beim eigenen Körper, bei Regeln, bei Disziplin.
Das ist nicht falsch.
Es ist verständlich.
Schwierig wird es erst dann, wenn Kontrolle zur Ersatzbeziehung wird.
Vielleicht beginnt echte Freiheit deshalb nicht im perfekten Essverhalten.
Sondern in der Erfahrung, sicher zu sein – auch ohne Kontrolle.
Einordnung
Hinweis:
Dieser Text spiegelt meine persönliche Sichtweise auf die Dynamik von Kontrolle, Ernährung und Sucht wider. Er basiert auf meiner praktischen Erfahrung sowie auf psychologischen, entwicklungswissenschaftlichen und neurobiologischen Erkenntnissen.
Wissenschaftliche Bezugspunkte (Auswahl):
Koob & Le Moal – Sucht als Dysregulation von Belohnungs- und Stresssystemen
Volkow, N. et al. – Neurobiologie des Belohnungssystems und Kontrollverlust
Bowlby & Ainsworth – Bindung und Entwicklung emotionaler Regulation
Schore, A. – Neurobiologie früher Beziehungserfahrungen
Bandura, A. – Selbstwirksamkeit und Handlungssteuerung
Deci & Ryan – Selbstbestimmungstheorie (Autonomie, Kompetenz, Verbundenheit)
Baumeister & Vohs – Selbstregulation und Ich-Kontrolle
Fonagy, P. – Mentalisierung und Selbstbezug
Kabat-Zinn, J. – Achtsamkeit als nicht-wertende Wahrnehmung
Über mich:
Mein Ansatz im Bereich «Bewusstseinsarbeit» bietet ein grundlegendes Werkzeug zur Veränderung persönlicher Themen, zur Lösung innerer Blockaden und Herausforderungen. Dies umfasst auch Aspekte der Gesundheit (Psychosomatik) wie der Gewichtsreduktion. Die Kommunikation kann entweder im Wachbewusstsein oder in einem Zustand bewusster Hypnose stattfinden. Dabei sind zwei entscheidende Faktoren wichtig:
Mut, sich selbst zu begegnen.
Authentizität, den Willen zur bedingungslosen Ehrlichkeit zu sich selbst zu haben.

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Ute Müller
Coach und Hypnotherapeutin, dipl. Ernährungsberaterin, Autorin & Entwicklerin des Programms "ICH bin mein bester Food-Coach."
In der Online-Kommunikation verwende ich das «Du», wie im Englischen, um eine persönliche und offene Ansprache zu schaffen – ohne die formale Distanz zu verlieren. Ebenso wähle ich bewusst eine vereinfachte Sprache ohne Unterscheidung von Gender und Diversität. Dies geschieht aus Gründen der besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit. Mir ist es wichtig zu betonen, dass ich alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Identität oder Herkunft schätze und respektiere. Jeder ist willkommen, und ich achte alle gleichermaßen. Mein Anliegen ist es, dass sich alle Leserinnen und Leser gleichermaßen angesprochen fühlen. Vielen Dank für Dein Verständnis.




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